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Dialog über Transparenz

Freitag, 11. Oktober 2013
Fotos: T. Schindel / S.Brückner

Das MARKANT Handels-Forum in Karlsruhe hat gezeigt, dass die gesamte Food-Branche vor großen Herausforderungen steht. Das Fokus-Thema Transparenz sorgte für viel Diskussionsstoff.

Mit einem Witz brachte der ehemalige Bundesumweltminister Prof. Dr. Klaus Töpfer das zentrale Thema des 104. MARKANT Handels-Forums auf den Punkt: „Was haben eine Damenhandtasche und eine Leberwurst gemeinsam?“ Die Auflösung: „Keiner weiß, was drin ist.“ Ein Thema, an dem die Industrie dringend ansetzen sollte, so der Appell von Töpfer. Denn: Transparenz führe nicht nur dazu, dass der Verbraucher besser informiert ist, sondern per Rückkoppelung auch dazu, dass sich die Qualität der Produkte verbessert. Doch machte Töpfer auch auf die Risiken aufmerksam: „Wer detailliert informiert und dabei wissentlich oder unwissentlich täuscht, kann einen immensen Schaden verursachen.“

Namhafte Expertenrunde

Beim Kurzkongress zum Thema „ONE GLOBE – Mehr Transparenz für Handel und Verbraucher“ referierten und diskutierten neben Töpfer eine Reihe weiterer Experten, darunter Prof. Peter Eigen, Gründer von Transparency International, Christian Rach, Ernährungsexperte und TV-Coach, Silke Schwartau, Leiterin der Ernährungsabteilung der Verbraucherzentrale Hamburg, Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Tobias Andres, Leiter des Brüsseler Büros des Bundesverbandes der Ernährungsindustrie sowie Franz-Friedrich Müller, Geschäftsführer der MARKANT AG. Im Zuge der Diskussion wurde reichlich Salz in die Wunden der Lebensmittelindustrie gestreut. Ernährungsexperte Christian Rach zeigte sich zum Beispiel überzeugt davon, dass immer noch viele Hersteller den Verbraucher bewusst in die Irre führen, beispielsweise indem sie Garnelen mit künstlichen Farbstoffen rot färben, um Frische vorzutäuschen. Mit einer solchen Vorgehensweise, so Rach, lässt sich die Forderung nach mehr Transparenz kaum vereinbaren. Tobias Andres appelierte daran, nicht alles schlecht zu reden: „Unser Lebensmittelangebot ist vielfältig und hochwertig wie nie.“ Umfangreiche Informationen zum Herstellungsprozess, so Andres, kann der Verbraucher schon heute auf vielen Webseiten einsehen. Und dennoch: Einig waren sich viele Kongressteilnehmer darin, dass sich in Sachen Transparenz dringender Handlungsbedarf auftut.

Rascher Handlungsbedarf

„Unter dem Strich steht, dass wir viel Vertrauen der Verbraucher verspielt haben“, konstatierte Franz-Friedrich Müller. Sein klares Statement: „Wir können nicht so weitermachen wie bisher.“ Das funktioniert schon deshalb nicht, weil sich die EU-Gesetzgebung für mehr Transparenz bei Produktinformationen weiter verschärft. Die neue Lebensmittelinformationsverordnung, die ab Ende 2014 greift, hat Kennzeichnungselemente wie Nährwert- oder Herkunftsangaben bereits festgelegt. Mit dem Kongress, einer extra aufgelegten Publikation und der neuen Internet-Plattform www.one-globe.info stößt die MARKANT daher unter dem Motto "ONE GLOBE – Mehr Transparenz für Handel und Verbraucher" eine breite Auseinandersetzung zum Thema Transparenz an – mit dem Ziel, durch ehrliche Information das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. In diesem Zuge positioniert sich die MARKANT aktiv als Informationsdienstleister für ihre Industrie- und Handelspartner. Erklärtes Ziel der ONE GLOBE-Initiative ist es, alle relevanten Informationen so zur Verfügung zu stellen, dass die jeweiligen Handelspartner diese ohne großen Aufwand für sich nutzen können. Denn: Alle Informationen vollständig zur Hand zu haben und stets aktuell zu halten, würde für den Händler einen kaum zu leistenden Aufwand und enorme Kosten nach sich ziehen.

Rund 1.600 Teilnehmer

Die MARKANT geht das Problem an, indem sie die Produkt-Informationsdatenbank PROMIS aufbaut, die sich wiederum aus Dienstleistungen wie dem Zentralen Artikelstamm (ZAS) oder der MARKANT mediaBASE (MMB) speist. Anregungen für weitere Diskussionen zum Top-Thema Transparenz bot das 104. Handels-Forum den 1.600 Teilnehmern allemal: „Das Handels-Forum ist eine einmalige Plattform, um den Austausch zwischen Handel und Industrie zu fördern“, so Jörg Steffens, Geschäftsführer der MARKANT Deutschland. Für diesen Einsatz erntete die MARKANT breite Zustimmung der Kongressteilnehmer. Und auch von Prof. Dr. Klaus Töpfer: Er bestätigte der MARKANT, damit „auf dem richtigen Weg“ zu sein.

Genth StefanStefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE
„Wir befinden uns derzeit am Beginn einer Kehrtwende. Für die Verbraucher zählt nicht mehr nur der Preis allein, sondern auch die Qualität der Lebensmittel. In der Praxis bedeutet das: Die Verbraucher entscheiden beim Einkauf heute viel bewusster, als wir es uns noch vor wenigen Jahren hätten vorstellen können.“

Rach ChristianChristian Rach, Ernährungsexperte und TV-Coach
„Mein Eindruck ist, dass sich viele Unternehmen nur deshalb öffnen, weil der öffentliche Druck auf die Lebensmittelbranche derzeit ungemein groß ist. Wirklich öffnen tun sie sich trotzdem nicht. Medienunternehmen, die in der Produktion drehen wollen, landen in der Regel immer vor verschlossenen Türen.“

Toepfer Klaus Prof DrProf. Dr. Klaus Töpfer, ehem. Bundesumweltminister
„Die Menschen in einer globalisierten Welt misstrauen immer mehr dem, was sie von offizieller Seite hören. Stattdessen legen sie viel mehr Wert auf neutrale Informationen, bei denen sie das Gefühl haben, dass sie sich darauf verlassen können.“

Eigen Peter Prof DrProf. Dr. Peter Eigen, Gründer von Transparency International
„Transparenz ist auch die Möglichkeit, eine globale Regierungsführung herzustellen, die mehr Gerechtigkeit, mehr Offenheit, mehr Wohlstand und mehr Harmonie in den Welt bringen kann. Wünschenswert wäre vor allem ein stärkerer Trialog zwischen Regierungen, Privatsektor und Zivilgesellschaften. Die Kampagne ONE GLOBE sehe ich als Einladung an die Bürger, um sich aktiv an Lösungen zu beteiligen.“

Andres TobiasTobias Andres, Leiter des Brüsseler Büros des Bundesverbandes der Ernährungsindustrie
„Wir als Industrie arbeiten ja nicht gegen den Verbraucher, sondern versuchen, in seinem Interesse zu handeln. Wir ermöglichen interessierten Verbrauchern Betriebsbesichtigungen – was wegen der Hygienevorschriften nicht immer leicht ist, wir informieren auf Verbrauchermessen über die Vorgehensweise der Branche und auch die Industrieunternehmen selbst stellen auf ihren Internetseiten inzwischen umfangreiche Informationen zu ihren eigenen Produkten zur Verfügung.“

Schwartau SilkeSilke Schwartau, Leiterin der Ernährungsabteilung der Verbraucherzentrale Hamburg
„Es gibt natürlich Anbieter, die korrekt deklarieren. Aber es gibt andererseits auch viele, die das nicht tun und somit Etikettenschwindel betreiben. Von Analogkäse über Fruchtjoghurt ohne Frucht bis hin zu Alpenmilch, die nicht aus den Alpen kommt. Zum Glück hat der interessierte Verbraucher schon heute über das Internet einige Möglichkeiten, sich zusätzliche Informationen zu beschaffen.“